Dienstag, September 06, 2016

Integrationsträume

In der Welt vom 06.09.2016 lese ich einen Kommentar von Thomas Schmid mit der Überschrift  'Das Jammern über den Aufstieg der AfD hat etwas Naives'

Weiter unten führt er auf der Suche nach den Gründen für den Aufstieg der AfD , wie ich meine: zutreffend, wörtlich folgende Feststellung auf:

'Auch 27 Jahre nach dem Ende der DDR-Unfreiheit ist ein Gutteil der Bürger der neuen Bundesländer noch lange nicht im Westen angekommen . Davon profitiert die AfD im Osten.'

Es ist der erste Satz dieses Statements, der die Naivität unserer etablierten und die Willkommenskultur in Gesinnungspolitik gießenden Parteien bloß stellt, wenn sie glauben mit Dach über dem Kopf und der Vermittlung rudimentärer Deutschkenntnisse sei die Integration von Menschen aus den arabischen und afrikanischen Kulturräumen schon fast geschafft.

Wenn sich Menschen, wie der Kommentar von Schmidt ausführt, die im Osten Deutschlands AfD wählen und deren 'kulturell-politische Herkunft ' lediglich von gut 40 Jahren DDR geprägt ist, die aber dem christlichen Kulturraum entstammen, deren Muttersprache Deutsch ist, die "Bio-Deutsche" sind, noch nach 27 Jahren schwer tun, die "Mehrheitskultur Westdeutschland" zu verinnerlichen und sich sozusagen zu "integrieren" , dann scheint mir die Frage mehr als nahe liegend, wie ernsthafte Verantwortungspolitik glauben kann, die aktuellen Zuwanderer aus Arabien und Afrika integrieren zu können. Mit Blick auf Neukölln und anderen Orten analoger Entwicklung in den letzten gut 50 Jahren.

Wobei erschwerend hinzu kommt, dass das Gros dieser Ankömmlinge Muslime sind und der Islam kulturelle Sitten archaischer Gesellschaften erfolgreich als Ausdruck von Religion verkleidet und damit den Beibehalt der mitgebrachten Kultur unter den  garantierten Schutz des Grundgesetzes stellt.

Wie naiv kann Politik sein? Als wirklichkeitsnah kann man sie nicht wahrnehmen.

Donnerstag, Mai 12, 2016

Der Koran ist Bibel und Verfassung zugleich.


Die gesamte öffentliche Diskussion über die Bewältigung der Flüchtlingskrise geht  seltsamer Weise wie selbstverständlich davon aus, dass wir, die aufnehmende Gesellschaft, eine Bringschuld haben, die weit über die Sicherung materieller Grundbedürfnisse der Neubürger hinaus geht.

Die Bereitschaft - so mein Eindruck - geht bis hin zur Änderung unserer Gepflogenheiten und Wertvorstellung da, wo sie kontrovers auf die der 'Neubürger' treffen, zumal dann, wenn sie sich als einseitige Erklärung unter den Schutz der bei uns gesicherten Religionsfreiheit stellen. (Jüngstes Beispiel in der Schweiz ist die Weigerung zweier Halbwüchsiger, der Lehrerin die Hand zu geben).

Umgekehrt wird ein Schuh draus: nicht wir müssen uns anpassen, sondern die 'Neubürger' stehen vor der Aufgabe, sich uns anzupassen. Unsere ist es, dabei zu helfen. Im eigenen Interesse, um Konflikte zu minimieren.

Dieses Eigeninteresse legt uns nahe, konfliktträchtige Missverständnisse zu vermeiden. Das gleiche Eigeninteresse legt auch nahe, unmissverständlich zu kommunizieren, was hier geht und was nicht.

Das ist leichter gefordert, als artikuliert, weil in unserer säkularen, freizügigen und liberalen Lebensform nahezu alles möglich ist und Verbote - erfreulicherweise - das letzte Mittel sind.

Die Aussage sollte nicht lauten "Wir schaffen das!" Sondern die Frage sollte lauten, "Schaffen sie - die zu uns Kommenden - das?"
Und vielleicht könnte man noch hinzufügen: "Was erwarten wir als 'Gastgeber' und wie können wir ihnen dabei helfen, es (was ist eigentlich das ES?) zu schaffen?"
Und weiter: was ist uns zumutbar?

Das Problem besteht m.E. im Kern darin, dass wir es in der überwiegenden Mehrheit wohl mit Gästen zu tun haben, die in der in ihrer Religion und  Kultur gegründeten gesellschaftlichen Auffassung  ziemlich starr verwurzelt zu sein scheinen, einer Kultur, deren Ausprägung in patriarchischen Strukturen Ausdruck findet und sich dabei auf den jeden Zweifel verbietenden Koran bezieht.
Die Erwartung, die die Neubürger - aus ihrer Sicht mit nachvollziehbarer Selbstverständlichkeit -  mitbringen, besteht im Kern darin, ihre Religion (die bekanntlich viele Ausprägungen hat) und ihre Kultur, die sich neben der uneingeschränkten Religionsausübung in den bereits erwähnten patriarchalischen Familienstrukturen und damit die untergeordnete Rolle der Frau - in der Öffentlichkeit sichtbar durch das Befolgen Bekleidungsvorschriften  manifestieren -  unverändert weiter leben zu können.

Das hat ursächlich - und das ist die eigentliche und entscheidende Hürde - damit zu tun, dass in muslimischen Ländern der Koran nicht nur Glaubensfragen regelt und die Imame im Umgang mit der Religion helfen, sondern auch die Dinge des täglichen Lebens aus dem Koran heraus bewerten und verbindlich regeln.

Der Koran ist Bibel und Verfassung zugleich, regelt also das gesamte Leben ganz konkret und verbindlich. Die 'Irdischen' Vergehen werden nicht einer irdischen Gerichtsbarkeit zugeführt und dort nach irdischen Gesetzen bewertet, sondern unterliegen der religiösen Gerichtsbarkeit und das Gesetzbuch ist der Koran.

Daraus resultiert die Unverträglichkeit. In unserer Gesellschaft sind Verhalten erlaubt und verboten, die abweichen von denen, die der Koran erlaubt bzw. verbietet. Jeder wirklich gläubige Muslim muß also nach Regeln leben, die möglicherweise (und wie sich zeigt in vielen Fällen) abweichen von unseren.

Der <b>gläubige</b> Muslim ist also gefordert zu entscheiden: Lebe ich streng den Koran, befolge die Interpretation und die daraus abgeleiteten Verhaltensnormen meines Imams in der Moschee oder verstoße ich ggf. gegen den Koran und lebe nach den Gesetzen und gesellschaftlichen Normen der aufnehmenden Gesellschaft.

Was mich persönlich betrifft stelle ich ganz egoistisch fest, dass ich schon die anhaltende, raumgreifende Diskussion über die Befindlichkeiten der Muslime in unserem Lande als ziemliche Zumutung wahrnehme.
Will sagen, dass ich nicht bereit bin, gesellschaftliche Änderungen hinzunehmen, die unsere in 2000 Jahren meist blutiger Gesinnungs- und Machtgeschichte errungenen Freiheiten einengen aus Toleranz gegenüber einer - aus meiner Sicht - gestrigen Kultur.

Folglich sollte die Frage nicht lauten, "Schaffen wir das?" (uns an die Erwartungen der Neubürger anzupassen), sondern "Schaffen es die Neubürger mit Hilfe unserer großzügigen Angebote, ihre religiös-kulturellen Gepflogenheiten denen unserer Welt anzupassen ?"

Ich habe ernsthafte Zweifel daran, denn es ist für die Meisten sehr viel verlangt - und muss dennoch verlangt werden.

Denn weniger geht nicht ohne  unsere - zumindest partielle und schleichend sich dann weiter entwickelnde - Selbstaufgabe.

Es muss zwingend gelten "Wehret den Anfängen".

Donnerstag, März 24, 2016

Gebetsräume an Universitäten

Ich bin strikt und kompromisslos gegen Gebetsräume an nicht konfessionell gebundenen Schulen und Universitäten, wie sie gerade wegen "exzessiver Nutzung" zumal von Muslimen ge- oder missbraucht werden.(UNI Köln, Humbolduniversität und TU Berlin)


Religionen fußen auf unbewiesenen Überzeugungen und jede nimmt die Ausschließlichkeit der einzig gültigen Wahrheit in Anspruch. Daraus folgt unbestreitbar der spaltende Charakter von Religionen.
Universitäten, wie ich bisher glaubte, sind Anstalten des Wissens und Trainingsstätten der Vernunft, deren Ergebnis es auch und insbesondere sein sollte, den spaltenden Charakter von Religionen durch "glaubensersetzende Erkenntnis" zu fördern.
Wenn überhaupt, dann sollten von Universitäten Moderatoren in der Kunst des Hinterfragens und des "Aufklärung suchenden Diskurses" vorgehalten werden statt solcher, in denen "Unvernuft" und "Irrationalität" ungestört zelebriert werden können.
Ich fürchte Verlust der Ausgewogenheit unserer Gesellschaft durch die zunehmende Durchdrinung glaubensorientierter Anpassungen.
Extreme und Polarisierungen im Schutze der grundgesetzlich zugesicherten Religionsfreiheit könnten den gesellschaftlichen Zusammenhalt deutlich schwächen - Toleranz ist nicht endlos belastbar.
Daher, verehrte Universitätsdirektoren: keine Gebets-Räume schaffen, sondern Diskursgelegenheiten, die Religionen relativieren, Glauben hinterfragen.

Dienstag, März 08, 2016

Irrläufer

Ich habe eine E-Mail-Adresse die einem als Ortsnamen entspricht. Die Folge: es landen bei mir häufig ungewollt Irrläufer in meinem E-Mail Eingang.

 

Die meisten schiebe ich gleich in den Papierkorb. Manchmal schicke ich sie zurück an den Absender, wenn ich den Eindruck habe, es handle sich um etwas für   ihnWichtiges.

Aber manchmal reitet mich der Schabernack und ich antworte. So neulich folgender Irrläufer. Die Mail kam von einem Rolf Müller.

 

Sehr geehrte Frau Dr. Collenberg,

Da ich Sie telefonisch leider nicht erreiche - habe es schon 3 x probiert - per Mail meine Terminanfrage ob ich am Freitag den 16.10.2015 im Laufe des Vormittags einen Termin bekommen könnte.

Ich habe am Rücken einen "festen" kleinen "Huppel"

Denke da ist ein Atherom darunter

Mit der Bitte dies anzusehen ob sie dies öffnen können oder ob ich zu einem Chirurgen gehen soll?

Vielen Dank für Ihre Rückinfo

Rolf Müller geboren 1.5.1964

Arch.Dipl.-Ing.(FH) Rolf Müller

 

Ich beschloss den Kränkelnden auf seinen Adressirrtum hinzuweisen und antwortete wie folgt:

 

Lieber Herr Müller,

Ihrem Empörung über den vergeblichen dreimaligen Anruf kann ich nachvollziehen. Aber vielleicht versuchen Sie es mal mit der richtigen Nummer?

Denn mit ihrer Mail haben sie mich ja wohl auch nicht anschreiben wollen denn soweit ist es erkennbar noch nicht. Ich bin der Bestatter.

Ihre Adresse habe ich mir aber schon mal notiert.

Mit ihrem "Knuppel" muss ich sie allerdings derzeit noch alleine lassen.

Ihre Frage nach der Notwendigkeit, die vermutete Trichilemmalzyste chirurgisch entfernen zu lassen, kann ich nicht beantworten und darf sie an ihrer Hausärztin Frau Dr. Collenberg überweisen.

Sie erreichen sie allerdings per E-Mail auch nur, wenn die korrekte Mail-Adresse benutzen.

Das wäre meine hilfreiche Empfehlung.

Nichts für ungut und bis später.

Michael, der  Bestatter

 

PS: Der Fairness halber möchte ich noch abschließend mitteilen, dass er mit einer kurzen Mail reagiert. Sie lautete lediglich: Sie haben wenigstens noch Humor.

Samstag, Dezember 19, 2015

Leserbrief an den Spiegel

Ich musste soeben diese Mail an die Leserbriefredaktion des Spiegel auf den Weg bringen!


Guten Tag.
Ich wende mich an Sie, weil ich nicht weiß, wo ich sonst meinen Ärger über dieses Cover der Kinderausgabe "Dein Spiegel" 1/16, für die Sie in der Hauptausgabe werben, wenden soll:



Unsere Gesellschaft ringt nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der im Islam wohl unbestritten untergeordneten Rolle der Frau mit der orthodoxen Vertretern des Islam um die Verzichtbarkeit der Verschleierung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen.

Dabei ist wohl auch sachlich unbestritten, dass beginnend mit Kopftuch die Verhüllung von Frauen rein kultureller Ausdruck einer Männergesellschaft ist. Die liberalen Muslime in unserer Gesellschaft, die an der Entwicklung eines aufgeklärten Islam arbeiten, werden nicht beglückt sein, wenn Ihr Titelbild ein Kind in schon relativ strenger Verhüllung als Repräsentantin darstellt, die den Islam erklärt.

Ich bin es auch nicht und bin überzeugt, damit nicht alleine zu sein!

Sarkastisch möchte man als engagierter Bürger fragen: warum nicht gleich ein Mädchen mit Burka als Ab- und Vorbild für gläubige Muslima?

Warum haben Sie nicht einfach ein junges Mädchen orientalischer Herkunft ohne Verhüllung gewählt, derer es vermutlich mehr bei uns gibt, als verhüllte? 

Was spielt es da für eine Rolle, dass der EuGH gerade höchstrichterlich bestätigt hat, dass selbst schon das Kopftuch - geschweige denn weitergehende Verhüllungen - kulturellen Ursprungs ist und nicht religiöser Notwendigkeit entspringt.

Ich könnte heulen!

Michael Rüdt von Collenberg

Mittwoch, Dezember 16, 2015

Burka- Verbot

Ich bin für ein striktes Burkaverbot für alle Muslima, die als Teil unserer Gesellschaft dauerhaft in Deutschland leben wollen. Ich gehe noch weiter: Ich bin für ein bis zum Verbot gehenden Ächtung alltäglicher traditioneller orientalischer Kleidung im öffentlichen Raum für Männer und Frauen, die damit deutlich zum Ausdruck bringt, dass ihre Träger nicht in unserer, sondern in ihrer eigenen Herkunftsgesellschaft mit eigenen kulturellen Gepflogenheiten in Europa weiter zu leben gedenken.

Ich begründe meine Haltung mit folgender Frage:

Mit welchem Selbst-, Frauen- und Weltbild werden hier geborene Mädchen und junge Männer aufwachsen, deren Väter und Mütter der religiösen und kulturellen Überzeugung sind, in der Öffentlichkeit seien Haarbedeckung bis hin zur Gesichts- und Ganzkörper-Bedeckung göttliches Gebot und unverzichtbar und die Frau dem Mann untergeordnet?

Wie soll Integration da gehen? 

Sonntag, November 22, 2015

Terrorismus

Ich bin in der aktuellen SZ vom 21.12.2015 auf dieses sehr lesenswerte Interview gestoßen, interessant für jeden, der sich die Frage stellt nach Hintergrund für Terrorismus und der Persönlichkeitsstruktur von derart 'entmenschten Menschen', wie die Täter.

Böse Gehirne

Interview von Christian Weber mit der 
forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh

Die Diskussion flammt immer wieder auf, wenn eine schreckliche Gewalttat geschehen ist. Wer bloß kann so etwas machen? Das muss doch das Werk von Wahnsinnigen sein. Doch der genaue Blick der Wissenschaft kommt zu anderen Ergebnissen, wie die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh erläutert.

SZ: Das müssen Bestien, Monster, Irre sein - solche Sätze sind nach dem Massaker in Paris wieder häufiger zu hören. Haben wir es hier mit psychisch Kranken im klinischen Sinne zu tun?

Saimeh: Nein. Zwar sind terroristische Ausbildungslager für dissoziale, psychopathische junge Männer anziehend. Diese Orte sind ein Eldorado der hemmungslosen, sadistischen Gewaltausübung. Sie können dort morden und vergewaltigen, und das noch mit Absolution. Außerdem entspricht Gewalt und Terror dem hypermaskulinen Rollenstereotyp von Härte und Unerschrockenheit. Aber auch diese Leute sind keine "Irren" im volkstümlichen Sinne. Sie haben nicht den kompletten Bezug zur Realität verloren, wie es bei Psychosen oder Schizophrenien der Fall sein kann.

SZGilt das auch für die Mörder von Paris?

SaimehJa. Die aktuellen Taten oder erst recht Aktionen wie die Anschläge von 9/11 in New York verlangen ja eine langfristige Planung, eine ausgereifte Logistik, überhaupt ein sehr überlegtes Vorgehen. Es gibt Ziele, Strategien, Taktiken - dafür brauchen sie beträchtliche psychische Stabilität. Der Verdacht, nur Wahnsinnige könnten so morden, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir seit 70 Jahren eine historisch einzigartige Zeit des friedlichen Zusammenlebens erfahren haben. Wir halten blutige Gewalt für unnormal. Dabei muss man nur an die Nazizeit zurückdenken, da haben völlig normale Leute schwerste Gräueltaten begangen. Dennoch weist ein großer Teil der verurteilten Gewalttäter in Strafvollzugsanstalten psychische Störungen auf.

Das ist sicher richtig, aber es sind in der Regel Persönlichkeitsstörungen wie etwa Borderline-Störungen. Aber auch diese Leute haben einen Kontakt zur Realität, auch wenn sie manches verzerrt wahrnehmen. Ich halte es für falsch, jeden Anschlag oder auch nur jedes schwere Gewaltverbrechen medizinisch zu interpretieren. Es lenkt die Diskussion in die falsche Richtung.

SZInwiefern?

SaimehDie Psychiatrisierung des Terrorismus bagatellisiert ihn, weil er ihn auf die individuelle Pathologie reduziert. Dabei spielen doch auch soziologische, historische, religiöse Gründe eine Rolle. Außerdem impliziert er die Annahme, nur kranke Menschen könnten zu Terroristen werden. Das stimmt aber eben nicht.

SZSind Terroristen also einfach Menschen wie du und ich?

SaimehBislang ist keine für Terroristen hochspezifische Persönlichkeitsstörung gefunden worden, aber es gibt strukturell beschreibbare Auffälligkeiten im Denken und in der damit verbundenen persönlichen Entwicklung, nämlich die Radikalisierung und Fanatisierung. Terror basiert auf dem nach außen verlagerten inneren Feind. Was hat man darunter zu verstehen? Kristallisations- und Ausgangspunkt ist fast immer das subjektive Erleben einer massiven Ungerechtigkeit und ein Gefühl von Unterlegenheit und Benachteiligung. Das Ohnmachtserleben des Einzelnen und das einer gesellschaftlichen oder religiösen Gruppe finden zusammen. Die Ursache für diese vermeintliche Unterlegenheit wird immer im Außen verortet. Hinzu kommen paranoid anmutende Verschwörungstheorien. Die Fehlentwicklung lässt sich im Grunde mit dem Prinzip des malignen Narzissmus vergleichen, der in mörderischer Wut und Hass das zu zerstören trachtet, was er als Ursache für die eigene Niederlage und Kränkung ansieht. Es werden Grandiositäts- und Triumphfantasien entwickelt, verknüpft mit Rachsucht. Der Fanatisierte wähnt sich im Besitz der absoluten Wahrheit. Nicht selten delegieren schweigende Mehrheiten solche Wünsche der Genugtuung an radikale Gruppierungen.

SZDie alte Geschichte? Es geht um arbeitslose junge Männer mit Migrationshintergrund und düsteren Zukunftsaussichten etwa in den trostlosen Vorstädten von Paris, die sozial nicht integriert sind und irgendwann islamistischen Hasspredigern auf den Leim gehen?

SaimehSo einfach ist es eben nicht! Schließlich driften auch Mittelschichtskinder in die islamistische Szene ab. Man darf die realen Sozialfaktoren nicht überschätzen: Mohammed Atta zum Beispiel, einer der Hauptattentäter des 11. September, war ja Student, und ihm stand eine bürgerliche Zukunft offen. Anfällig für Radikalisierung sind vor allem Menschen, die mit der modernen Gesellschaft nicht zurechtkommen.

SZWarum eigentlich? Sie ist doch mit all ihren Möglichkeiten und Freiheiten auch recht attraktiv.

SaimehAber manche sind von ihr überfordert. Unsere moderne Gesellschaft ist sehr komplex. Es gibt eine große individuelle Freiheit, und die existierenden Normen und Werte erfordern eine kritische Reflexionsfähigkeit und Selbststeuerung. Dazu gehört, dass man Widersprüche und Unzulänglichkeiten als Teil der Realität aushält, in sich selbst und in der Umwelt. Menschen müssen Ambivalenzen ertragen, mit Kritik umgehen, sich selbst in einem realistischen Bezug zur Umwelt sehen. Das erfordert eine hohe Ich-Stärke. Jeder Einzelne muss reflektieren, dass nicht alles, was getan werden kann, auch getan werden soll. Es verlangt ein differenziertes Gefühl für sich selbst, man muss innere Zustände strukturieren können.

SZKönnen Sie ein Beispiel geben?

SaimehImmer wieder wird angeführt, die westliche Gesellschaft bestehe aus einem zügellosen Leben aus sexueller Promiskuität und Drogenkonsum. Diese Zuschreibung verkennt völlig, dass dem Einzelnen ein hohes Maß an Entscheidungsfähigkeit über die Geschicke seines Lebens zugemessen wird. Bei uns geht es in der Sexualmoral nicht um "Sitte", sondern um Selbstbestimmung - eine große zivilisatorische Errungenschaft in meinen Augen. Doch manche Menschen kommen mit dieser Freiheit eben nicht zurecht.

SZWie führt dieses Unbehagen in der Gesellschaft zum Gebrauch von automatischen Waffen?

SaimehEs ist natürlich ein langer Weg der Radikalisierung, der im Fall des islamistischen Terrorismus meist von begnadeten Demagogen angefeuert wird. Diese zeigen übrigens in der Tat häufig psychopathische Züge. Psychopathen sind ja bekannt für ihre manipulativen Fähigkeiten. Die Hassprediger jedenfalls zeigen den unsicheren und gekränkten Menschen einen Weg, wie man diesen intrapsychischen Spannungszuständen entkommt. Sie beseitigen Ambivalenzen und Vielschichtigkeiten. Stattdessen wird eine unumstößliche, nicht kritisierbare Wahrheit gesetzt, die im Islamismus der nicht hinterfragbare Koran ist. Das führt zu Reduktion von Komplexität und damit zu Abnahme von Angst und innerer Unsicherheit. Hinzu kommt, dass der radikalisierte Mensch ja auch Mitglied einer großen Gemeinschaft wird, in der er sich verstanden und zugehörig fühlt. Das alles ist sehr attraktiv.

SZAber woher kommt die Aggression gegen andere Menschen?

SaimehDer Mensch muss ja irgendwohin mit seinen negativen Anteilen. Die werden nun im Radikalisierungsprozess nach außen projiziert, alles Übel wird außen verortet. Die Welt wird dann in Gut und Böse unterteilt, in Schwarz und Weiß, Freund und Feind - die Grauzone wird beseitigt. So entsteht eine innere strukturelle Festigkeit, das ist der Kitt für ein fragiles Selbst. Menschen, die einen solchen Halt brauchen, sind anfällig für Radikalisierung, egal ob sie aus der Unter- oder Mittelschicht kommen, ob sie gebildet oder ungebildet sind. Diese Prozesse kann die Wissenschaft mittlerweile ganz gut beschreiben. Die forensische Psychiatrie und Psychologie kann deshalb mit einer gewissen Sicherheit einschätzen, ob sich manche Menschen radikalisieren werden. Und die Radikalisierten müssen dann zwangsläufig ihren Feind angreifen?

SaimehJa, das ist nur logisch. Wenn die Umwelt unmoralisch und verdorben ist, dann muss man den Feind beseitigen, damit man in einer reinen Welt leben kann. Hinzu kommt ja, dass die islamistischen Demagogen dem Täter, insbesondere dem Selbstmordattentäter grandiose Versprechungen machen, die tatsächlich geglaubt werden: Er wird als Märtyrer ins ewige Paradies eingehen, dort wird er sexuell beglückt werden.

SZUnterscheidet sich der religiöse Terrorismus damit vom politischen?

SaimehWeniger als man erwarten könnte. Im politischen Terrorismus gibt es zwar keinen Gott, aber der politische Führer nimmt eine ähnlich absolute Bedeutung ein. Und all die anderen innerpsychischen Gratifikationsmechanismen wirken wohl ähnlich.

SZWelche sind das?

SaimehIm terroristischen Akt erlebt der Täter eine Grandiosität, die kaum zu übertreffen ist. Das Töten von Menschen ist ja eine exklusive Lebenserfahrung, die Gewalttätigkeit verleiht dem Täter einen gottgleichen Status. Er geht schwer bewaffnet los, die Kalaschnikow in der Hand, und es bleibt völlig ihm überlassen, ob er jetzt in das Café auf der rechten Seite der Straße schießt oder in das Café auf der linken Seite. Sagt er, ach, heute links, dann sterben die auf der linken Seite, und die auf der rechten Seite überleben. Das ist maximale Selbstwirksamkeit, ein grandioses Gefühl, eine Art soziales Potenzerleben. Das kann sich zu einem regelrechten Blutrausch steigern. Zudem erlebt der Täter die Ästhetik des absoluten Tabubruchs. Das hat ja auch seinen Reiz, Grenzen komplett zu durchbrechen. Und dabei tut er noch das moralisch absolut Richtige!

SZAber das Blut auf der Straße, die zerfetzten Körper, die Schreie der Opfer - gibt es da keine Hemmungen, die wirken?

SaimehDie Opfer sind im Blick des Fanatikers keine Menschen mehr. Zuvor hat ein Prozess der Dehumanisierung stattgefunden, in dem die feindlichen Menschen zu Ungeziefer, Dreck und Schmutz erklärt wurden. Solche Prozesse kennt man ebenso aus Ruanda wie aus Nazi-Deutschland. Da werden nicht ebenbürtige Menschen getötet, sondern es wird "Ungeziefer" vernichtet. Haben Sie noch nie eine Fliege getötet? Im Dritten Reich begingen an sich rechtstreue Bürger abscheuliche Gewalttaten und sagten: Ist nicht schön, aber irgendjemand muss es ja machen. Tötungsbereitschaft ist dem Menschen grundsätzlich zu eigen. Die christlichen Kreuzzüge sind so lange auch nicht her. Das Gruselige beim "Islamischen Staat" ist nur, dass er mit modernster Technik in eine vormoderne Zeit zurückwill. Zu erklären ist eher, wie der Mensch es geschafft hat, sich überhaupt einigermaßen zu zähmen.

SZFrauen scheinen es ja weitgehend geschafft zu haben, sie finden sich eher selten in Terrorbanden.

SaimehGewaltkriminalität ist nun mal eine klassische männliche Domäne. Testosteron und Gewalttätigkeit stehen in einer engen Beziehung. Daher ist Gewalttätigkeit vor allem ein Problem junger Männer in jeder Gesellschaft. Zudem ermöglicht die Rolle der Frau eher, mit sozialer Unwirksamkeit und Kränkungen umzugehen. Außerdem ist das Gesellschaftsmodell des IS für Frauen ja nicht so attraktiv.

SZDer Psychologe Steven Pinker will einen andauernden Zivilisationsprozess beim Menschen belegt haben.

SaimehInsgesamt stimme ich dem zu.

SZWie sollten wir aus Ihrer Sicht dem Terrorismus begegnen?

SaimehDer Terrorismus stellt unsere Gesellschaft auf die Probe. Der Rechtsstaat an sich muss sich als verteidigungsfähig erweisen. Es muss eine Zero Tolerance für Radikalisierung jedweder Richtung geben. Es geht um ein friedliches Zusammenleben aufgeklärter Gesellschaften. Aber wir müssen als Gesellschaft gemeinsam Anstrengungen unternehmen, keine Verlierer zu produzieren. Es geht auch darum, Menschen, die Angst vor dem Verlust des sozialen Anschlusses haben, Gehör zu geben. Wir müssen die Entwicklung unserer Werte erklären. Es geht nicht um die Frage, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht, es geht um die Bindung der hier lebenden Menschen an die Entwicklung der Geistesgeschichte seit der Aufklärung. Darin ist immer noch viel Platz für persönliche Religiosität.

SZAndererseits scheinen die modernen westlichen Gesellschaften relativ resilient zu sein. Die Anschläge von Barcelona und London scheinen vergessen zu sein, die Touristen fahren wieder hin.

SaimehSeit 9/11 konnte man klar beobachten, dass die Taktik des internationalen Terrorismus ist, das tägliche zivile Leben anzugreifen. Darauf kann man sich nicht einstellen. Ich werde deshalb auch weiterhin regelmäßig nach Paris fahren.